Der SCB macht junge Goalies reich – Langnau aber macht sie besser
Wer ist statistisch mit einer Fangquote von 92,74 Prozent aktuell der beste Torhüter der Liga? Leonardo Genoni? Reto Berra? Immerhin stehen beide im Olympia-Team.
Nein, keiner der beiden. Es ist einer, der nie für ein Junioren-Länderspiel aufgeboten worden ist, der noch nie ein Länderspiel im Erwachsenenhockey bestritten hat und dem niemand mehr eine Chance in der höchsten Liga geben wollte: Robin Meyer (25), der letzte und wichtigste Mann bei den SCL Tigers. Ehemaliger Junior bei Zug und zuletzt in der Anonymität beim EHC Visp in der Swiss League.
Die Langnauer haben ein gutes Auge für Torhütertalente. Im Sommer 2022 verpflichten sie mit Stéphane Charlin einen 22-jährigen Goalie, dem in der höchsten Liga niemand mehr eine Chance geben mag. Trainer Thierry Paterlini erinnert sich schmunzelnd:
Stéphane Charlin reift unter Thierry Paterlini in Langnau zum Nationaltorhüter und in der vergangenen Saison war er nicht nur statistisch der beste der Liga. Inzwischen ist er mit einem hochdotierten Vertrag bis 2028 nach Genf zurückgekehrt.
Die Langnauer müssen letzten Sommer mit Stéphane Charlin also den besten Torhüter der Liga ersetzen – und wieder wagt Sportchef Pascal Müller ein Experiment: Er verpflichtet Robin Meyer vom EHC Visp. Auch einer, der es in der höchsten Liga nicht geschafft hat und dem inzwischen keiner mehr eine Chance geben wollte.
Die Skepsis im Emmental ist gross: Die Nummer 1 der Liga mit einem Goalie aus der Swiss League ersetzen? Wahnsinn. Und nun ist auch Robin Meyer statistisch die Nummer 1 der Liga. Andere kaufen für sehr, sehr viel Geld helvetische Star-Torhüter ein. Die Langnauer verpflichten für wenig Geld vergessene Talente und formen sie zu Star-Torhütern.
Sie investieren nicht in hohe Spielergehälter. Sondern nachhaltig in den Ausbau der Infrastruktur (was die SCL Tigers zu einem attraktiven Arbeitgeber macht) und in einen der besten Goalietrainer ausserhalb der NHL (William Rahm). Der Schwede kann sich mit Martin Gerber und mit Alfred Bohren austauschen, der seit Jahren auf allen nationalen Juniorenstufen Talente sichtet und 1998 zusammen mit Bill Gilligan die Schweizer bei der U20-WM zu einer sensationellen Bronze-Medaille coachte.
Was auch hilft: Die SCL Tigers sind unter Thierry Paterlini und dem für die Abwehr zuständigen Assistenten Steve Hirschi – eine Verteidigerlegende aus dem Dorf, die in Lugano einst Captain war – gemessen am zur Verfügung stehenden Talent das defensiv bestorganisierte Team der Liga geworden. Das hilft den Torhütern. Stéphane Charlin kommt jetzt in Genf nicht mehr auf die gleichen statistischen Werte wie zuletzt in Langnau.
Während sich etwa der SCB mit allen Mitteln dagegen sträubt, selbst einem hochkarätigen jungen Goalie eine Chance zu geben und lieber auf einen 35-jährigen Veteranen setzt, haben die Langnauer soeben erneut einem «Nobody» vertraut. Weil Robin Meyer krankheitshalber auf die Reise zum Auswärtsspiel gegen Ajoie verzichten muss und Luca Boltshauser nicht ganz fit ist, kommt Martin Neckar (20) zum Zug. Es ist für den französisch-tschechischen Doppelbürger mit Schweizer Lizenz der erste Einsatz in der höchsten Liga. Und bald steht die nächste Premiere an: Er ist ins französische Olympia-Team aufgeboten worden.
In einem schwierigen Spiel macht Martin Neckar seine Sache mit einer Fangquote von 94,75 Prozent gut. Die Langnauer dominieren zwar mit 42:19 Torschüssen und verlieren nach Penaltys 1:2. Was den Eindruck erweckt, der Torhüter habe einen ruhigen Abend verbracht. Aber nichts ist schwieriger, als bei so wenig Beschäftigung hoch konzentriert zu bleiben. Zumal die wenigen Torschüsse in der Regel nach Kontern aus abschlussgünstigen Positionen abgegeben werden. Und tatsächlich wäre Ajoie in der Verlängerung durch Kyen Sopa und Anttoni Honka beinahe zum Siegestreffer gekommen.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Martin Neckar gehört seit 2019 zur Organisation der SCL Tigers und Sportchef Pascal Müller hat in weiser Voraussicht den Vertrag bereits im vergangenen Juni bis 2028 verlängert. Seit letzter Saison spielt er leihweise beim Partnerteam Chur in der Swiss League, aktuell mit einer formidablen Fangquote von 93,15 Prozent. Nur Thurgaus Christof von Burg (25) hält mit 95,70 Prozent noch besser.
Was diesem wenig nützt: Er steckt beim SCB hoffnungslos in der Karriere-Sackgasse, hat in Bern noch einen Vertrag für nächste Saison, ist aber noch nie zum Einsatz gekommen. Trainer Heinz Ehlers hat das kürzlich so begründet:
Also kommen Adam Reideborn und Sandro Zurkirchen zum Einsatz. Nächste Saison hat der SCB erst Christof von Burg unter Vertrag. Untersportchef Diego Piceci hat zwar dem Portal hockeyfans.ch treuherzig versichert, Christof von Burg werde nächste Saison ins Team integriert – aber das bedeutet in der stockkonservativen SCB-Sportabteilung nicht, dass er auch eingesetzt wird.
Der SCB macht junge Torhüter mit guten Verträgen zwar reich. Aber nicht besser. Geld allein macht halt nicht glücklich.
PS: Ajoies Goalie-Haudegen Damiano Ciaccio wird im Februar bereits 37 und sein Vertrag läuft aus. Er sollte die Hoffnung nicht aufgeben: Der SCB hat für nächste Saison erst einen Torhüter unter Vertrag …
